



» And Also the Trees
- (Listen for) the Rag and Bone Man

Aus dem Leben eines Lumpensammlers
Schneewittchengleich, in vollkommener Schönheit präsentiert sich die neue Werksammlung von And Also The Trees. Mit Bestimmtheit bahnt sie sich Stück für Stück ihren Weg durch unser Ohr und findet ihren Platz im mentalen Trees-Repertoire. Denn wie selbstverständlich beglückt die englische Gruppe erneut mit der gewissen euphorisierenden Melancholie, für die sie seit jeher steht, und die der
...
Christian A. Schulz
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Zuhörer erwartet. So scheint gleich der Opener "Domed" in Entsprechung zum mehr schwarzen als weißen Albumcover Düsternis und Schwere auch für das Folgende versprechen zu wollen. Doch bereits das zweite Stück "The Beautiful Silence" stimmt versöhnlich und überrascht mit seinem heiter beschwingten, chansonesquen Charme und vor allem mit einem ausgelassenen "La-la-la" des Sängers Simon Huw Jones. Dieser vermag jedem einzelnen Song mit seiner eigenwilligen Intonation die besondere Atmosphäre und nötige Intensität zu verleihen. Das psychedelisch anmutende "The Legend Of Mucklow" erinnert nicht zuletzt wegen seines vokalen Parforceritts an ganz frühe Trees-Zeiten.
Gitarrist Justin Jones changiert zwischen allen Facetten seines Könnens, bisweilen im selben Stück - vom virtuosen Picking über berauschende Pedal-Sounds zu sehnsüchtigen Klängen und schneidenden Tonfolgen. Hier und da erklingt auch wieder die beliebte Mandolinen-Gitarre, und sogar eine Zither wird bemüht.
Die nunmehr als fünftes Bandmitglied genannte Emer Brizzolara sorgt für dezente Pecussions oder spielt Piano - wie in "Candace", einer traurig-schönen Ballade, die von Nick Cave stammen könnte, allerdings ohne dessen Entscheidung zwischen Rohheit und Kitsch treffen zu müssen.
Auffälligstes Novum aber stellt die erfreulich gelungene Integration des Interims-Bassisten Ian Jenkins dar, der meist mit dem Kontrabass arbeitet und so den organischen Sound von Further From The Truth adäquat fortführt. Er streicht das Instrument entweder klassisch mit dem Bogen und verleiht der Musik so die besagte Schwere oder er sorgt durch Zupftechnik für einen ungeahnten Swing. Dabei harmoniert er hervorragend mit Paul Hills akzentuiertem Drumspiel, und so bilden beide die ideale Rhythmusgruppe. Dies ist beispielsweise im dritten Song schön zu beobachten: "Rive Droite" ist eine exzellente Jazznummer, die die Spannung alter Kriminalfilmmusik aufbaut und progressiv zum Ende getrieben wird. Beim vorletzten Stück "The Man With A Drum" wird diese "krimiartige" Komponente noch einmal reizvoll aufgegriffen.
Typischerweise gelingt es der Band, jeden einzelnen Song geschickt aufzubauen bzw. ihm durch Rhythmus- und Tempuswechsel eine interessante Struktur zu verleihen. Sorgfältige Arrangements und der vereinzelte Einsatz einer Orgel sorgen ihrerseits für Faszination. Gelungen ist auch die dramaturgische Zusammenstellung des Albums. Die in sich homogen wirkende Kollektion wird an den an den richtigen Stellen durch die obligatorischen instrumentalen Kleinode aufgelockert und durch das ruhige, hymnische Format von "Under The Stars" perfekt zum Abschluss gebracht.
Die Vielfältigkeit der Melodien spiegelt sich den Lyrics wider. Unter Verwendung des bekannten Naturvokabulars und in vielleicht sogar klarerer Sprache als bisher vermitteln sie einerseits vertraute Gefühls- und Erlebniswelten. Gleichzeitig mögen kryptisch verschlüsselte Passagen befremdlich wirken. Stets aber wird ein Geheimnis um die Protagonisten der ausschnitthaften Geschichten behalten.
Text und Musik erzeugen beim Hörer filmische Assoziationen und entführen in anachronistische Landschaften. Sie stehen somit ganz in der Tradition von And Also The Trees, und "(Listen For) The Rag And Bone Man" definiert sich eindeutig als Werk seiner Schöpfer, das sich nahtlos ins Oeuvre einreiht. Doch hat es auch seine eigene ganz spezifische Grundstimmung und bereichert die Welt um neue Klänge einer der faszinierendsten und unverwechselbarsten Gruppen überhaupt. Vielleicht können auch die Erzählungen des Lumpensammlers nur den Nerv bestimmter Menschen treffen. Doch davon gäbe es sicher weitaus mehr, als es tatsächlich der Fall ist - wenn sie nur wüssten ...
Christian A. Schulz
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