Bosstime im Siegener Eulenspiegel
(22.01.2009)Dauerregen, dicker Wolkenhimmel, Grau in Grau in Siegen/ NRW am 17.Januar 2009. Irgendwo am Rand des aus mehreren Ortsteilen bestehenden Städtchens im Siegerland findet man den sich als Kneipe bzw. Restaurant bezeichnenden „Eulenspiegel“ in schummriger Beleuchtung- unrestaurierte Altbausubstanz.
Umso überraschter ist man beim Betreten der Lokalität, gedämpftes Licht, wohlig warm, individuell gestaltet, gemütlich mit nettem, dem Gast zugewandten Personal. Die Einrichtung wirbt auf ihrer Webseite mit folgendem Slogan: In unserer Kneipe werdet ihr viel
Spaß haben bei kühlen Getränken und guter Musik...Viele Plakate an den Wänden verraten, wer hier in der Vergangenheit schon aufgespielt hat bzw. wer in den kommenden Tagen und Monaten noch vorbeischauen wird. Das verspricht einiges!
Ein kleines Podest im Eingangsbereich mit bereits bekannten Instrumenten weist auf das geplante abendliche Livekonzert hin. Heute gibt sich Bosstime aus Kölle die Ehre, Springsteensongs live.
Vorab genießen viele Besucher das tolle Essen, Riesenportionen, preiswert und lecker. Auch die Musiker der Band sitzen gemütlich im Restaurantbereich zusammen und stimmen sich auf das bevorstehende Konzert ein. Es ist zu erfahren, dass sie schon mehrfach vor Ort gespielt haben und ihnen die familiäre Clubatmosphäre hier sehr gefällt. Unkompliziert und spaßig wird der etwas verzögerte Auftrittsbeginn geregelt…und die Kneipe füllt sich immer mehr. Über allem wacht ein vergoldeter Eulenspiegel mit einem verschmitzten Grinsen im Gesicht. Überhaupt fallen die vielen antiken Spiegel an den Wänden auf, irgendwie fühlt man sich ständig durch sich selbst beobachtet.
Ich nehme meine Position am Podiumsrand ein, es wird immer voller, enger und heißer. Man hat das Gefühl, die Körpertemperatur steigt mit Zunahme der Konzertbesucher konstant an, wie soll das erst werden, wenn wir alle ordentlich mit dem Musikern abrocken? Bewundernswert, wie sich das stets freundliche Bedienungspersonal durch die dicht gedrängt stehende Menge bewegt, immer mit einer Kiste voller gefüllter Getränkebecher bewaffnet.
Gegen 21:30 Uhr drängeln sich die einzelnen Musiker zu ihren Instrumenten durch, ein freudiges Lächeln ob der dichten Reihen mit Freunden der Springsteenmusik im Gesicht. Kleine Absprachen, Gestikulieren, kurze Tonproben und dann eröffnet Sänger Thomas Heinen das mehr als zweieinhalb Stunden dauernde Konzert. „Radio nowhere“ geht so richtig ab, die Stimme des Frontmannes ist okey Dank des vorab reichlich genossenen Ingwertees. Abwechselnd rockige und balladeske Songs, mit Hingabe und Spaß von allen Musikern vorgetragen, ein immer mehr in Stimmung kommendes Publikum, das mitsingt, teilweise textsicher einzelne Parts der Songs übernimmt, Klassiker wie „Promised land“, „Atlantic city“, „Darkness on the edge of town“, „Born to run“, „Badlands“…machen diese mehr als 2 Stunden sehr kurzweilig und zu einem Erlebnis. Kleine spaßige Einlagen- es wird auf der Bühne viel gelacht, irgendwie saß scheinbar allen 6 Musikern ein kleiner Eulenspiegel auf der Schulter- schaffen diese versprochene familiäre Atmosphäre, die solche Clubkonzerte so besonders macht.
Mittanzen ist schwer oder nur bedingt möglich, da zu wenig Platz, tief Luftholen wird zum Kraftakt, der Schweiß fließt bei Zuhörern und Musikern. Ungefähr zur Konzerthalbzeit hocken sich Drummer Torsten Bugiel, Gitarrist Sebastian Netz, Bassist Sebastian Naas, Saxophonist Jochen Baltes und Keyboarder Moritz Schuster an den rechten Bühnenrand vor einen großen Spiegel, für sie ist Pause, Thomas Heinen interpretiert nun zweieinhalb Songs solo nur mit seiner Gitarre, Mundharmonika und Stimme: „Bloodbrothers“, den brandneuen Song „Working on a dream“ und den Refrain des Liedes „My lucky day“. Das neue Album von Boss Bruce Springsteen kommt am 23.01.2009 in die deutschen Plattenläden. Es folgen wieder Klassiker der letzten 3 Jahrzehnte mit allen Musikern, schöne Solopassagen von Keyboarder Moritz und Saxophonist Jochen werden begeistert angenommen. Während des Songs „Glory days“ stellt Thomas seine Band namentlich vor, verdienter Applaus für jeden Einzelnen garantiert; Bassist Sebastian Naas hat am heutigen Abend Geburtstag- spontan wird ein „Happy birthday“ angestimmt. „Hoch soll er leben…“- nur traut sich keiner, ihn real hochzuwerfen. Thomas schenkt einen Wermutstropfen ein: Sebastian wird nach 5 Jahren Bosstime „Adieu“ sagen und sich nur noch eigenen Musikprojekten widmen. Schade Sebastian! Aber viel Erfolg und Glück auf deinem weiteren Musikerweg!
Das als Solo geplante „Pay me my money down“ wird spontan vom Backrodchor Sebastian Netz, Jochen Baltes und Moritz Schuster sowie Gruppen aus dem Publikum unterstützt.
Bei dem Song „Fire“ verfallen alle Musiker an der bekannten Stelle in eine recht lang anhaltende Starre, die trotz mehrfacher Zurufe aus dem Publikum erst nach gefühlten 5 Minuten Pause von Thomas Heinen durch das erlösende „Romeo and Juliet“ beendet wird.
Schluss! Andeutungen von Verabschiedung werden erkennbar, aber wer die Jungs kennt, weiß, dass sie noch Zugaben in petto haben. Was fehlte noch? Natürlich „The river“ und „Dancing in the dark“- da möchte man doch glatt an eines der Mikrophone hüpfen und mitsingen. „Long walk home“ setzt nun den endgültigen Schlusspunkt. Nach diesem Feuerwerk Kraft raubender Songs lassen sich die 6 Protagonisten den donnernden Applaus sichtlich gefallen, bedanken sich aber selbst gleichzeitig beim Publikum für dessen während des gesamten Konzertes gezeigten lebendige Aktivität. Fünf Musiker lassen ihre Instrumente erst einmal allein auf der Bühne zurück. Thomas Heinen gibt den lauter werdenden Rufen nach erneuten Zugaben nach und singt noch zwei Titel solo. Dann hat auch er sichtlich begeistert seine Arbeit geschafft, zumindest die öffentlich sicht- und hörbare. Danach gibt es noch Gespräche mit Fans und Fachleuten und das zeitaufwendige Zusammenpacken der Instrumente und Technik. Da ist ein sich helfendes, aufeinander eingespieltes Team zu erkennen. Alles wird in Autos für die noch bevorstehende Heimfahrt verstaut. Man nimmt sich wenig Zeit für ein kühlendes Getränk, denn the long walk home steht noch bevor- für alle.
Gute Fahrt und DANKE für einen tollen Abend, der wiederum Lust auf mehr gemacht hat. Bereits am kommenden Samstag (24.01.2009) wird die Band in Menden erneut auf der Bühne stehen, dieses Mal ohne Sebastian Naas.
Naja, und der Boss Bruce Springsteen wird höchstpersönlich mit seiner E Street Band am 02. und 03. Juli für 2 Konzerte nach Deutschland kommen. Vielleicht sieht man ja in München oder Frankfurt/M. einen der Bosstimer beim „Meister“, wie ihn Thomas Heinen immer nennt.
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